Im Einsatz gegen die trügerische Schönheit

Dem indischen Springkraut Einhalt gebieten - Ein Naturschützer erzählt

Naturschützer greifen im Sommer zur Sense statt zur Badehose

Bekämpfung des Indischen Springkrauts steht alljährlich im Terminkalender

Helfer werden von Hitze, Bremsen und Wespen geplagt

SCHLÜCHTTAL. Politiker neigen im Regelfall zu Übertreibungen. In diesem Fall aber nicht. Die Rede ist nämlich von blühenden Landschaften, die ein „hohes Tier“ der politischen Zunft dem Volk vor vielen Jahren versprochen hatte: Sollte jener Politiker damals das Indische Springkraut gemeint haben, dann hat er in der Tat die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt. Es gibt nämlich kaum ein Tal im südlichen Schwarzwald, in dem die trügerische Schönheit derzeit nicht in prächtiger Blütenpracht steht. Aber genau diese blühenden Landschaften brauchen wir eben nicht.


Warum bin ich bei den vorhandenen 25 Grad im Schatten nicht wie jeder normale Bürger entweder ins Schwimmbad oder in einen Biergarten gegangen? Nein, dazu war keine Zeit. Für die Naturschützer im Oberen Schlüchttal stand ja die Bekämpfung des Indischen Springkrauts an der Schlücht im Terminkalender. Also keine Badehose. Dafür Gummistiefel und lange Hose. Nicht zu vergessen die obligatorische Sense. Den anderen Kollegen vom Nabu-Zentrum Birkendorf und der Nabu-Ortsgruppe Grafenhausen, die sich das Teilstück von der Tannenmühle bis zum Sägewerk Braun unter ihre Sensen genommen hatten, ging es aber auch nicht besser. Dies ist allerdings kein wirklicher Trost. Die schweißtreibende Tätigkeit wird deshalb auch nicht besser. Auch schmerzen die ungezählten Schnaken- und Bremsenstiche auf der schweißüberströmten Haut deshalb nicht weniger. 
Mir ist es im Moment auch ziemlich gleich, wer von der adligen Obrigkeit das Indische Springkraut Anfang des 19. Jahrhunderts als attraktive Zierpflanze aus dem Indischen Himalaya-Gebiet in unser Land eingeführt hat. Naturschützer und weitere Fachleute sprechen sogar davon, dass Imker an der Verbreitung durch direkte Aussaat als vermeintlich gute Herbsttracht beteiligt waren. Egal wie oder durch wen, der Sprung über den adligen Gartenzaun ist geglückt. Und wir haben nun den Salat. Weiß-rosa-violett. So die Blütenpracht der trügerischen Schönheit. Die Verbreitung erfolgt über Samen, die bis zu sieben Meter weit aus der Frucht herausgeschleudert werden. Und schwimmfähig ist dieser Samen auch, den jede Pflanze bis zu 2000-mal produziert. Die Keimfähigkeit soll bis zu sechs Jahren betragen. Also, ein aussichtsloses Unterfangen.


Warum sollen wir wenigen „Nabuisten“ den nahezu aussichtslosen Kampf weiterhin ausfechten? Unterstützung durch die Behörden? Fehlanzeige. Also doch: Sense weg, Badehose an und ab ins Schwimmbad. Aber nein: noch ein kleines Stück - Sense wetzen und weiter geht es. Baden kann ich morgen auch noch. Durch das flächendeckende Auftreten verdrängt das Indische Springkraut die standortgerechte Vegetation, die eine natürliche Ufersicherung darstellt und Lebensraum für viele heimische Tiere bietet. Es lohnt sich also weiterzumachen. Schade eigentlich, dass sich so wenige Bürger an diesen Bekämpfungsaktionen beteiligen. Ein Zaunkönig-Pärchen leibhaftig im dichten Gebüsch zu entdecken, entschädigt dabei für vieles. Dies sollten mehr Menschen erleben. Deshalb kann ich nur an jeden appellieren: Wer den Vogel des Jahres nicht nur auf dem Plakat, sondern in der freien Natur sehen will, der sollte sich an einer der nächsten Bekämpfungs-Aktionen beteiligen. Traumhaft ist es übrigens auch, wenn der zehn Meter breite Streifen mit Indischem Springkraut, Fachleute nennen die Pflanze auch Impatiens gladulifera Royale, gemäht ist und das Flüsschen Schlücht in voller Pracht wieder sichtbar wird. 
Nicht unterschlagen sollte ich in diesem Zusammenhang die sportlichen Aktionen, die bei Mähaktionen durchaus möglich sind. Rekordverdächtige Kurzstreckensprints sind nämlich immer dann möglich, wenn die Sense aus Versehen in einem Wespennest stecken bleibt. So auch an diesem Nachmittag. Dabei hatte ich noch Glück: Nur sechs Stiche. Und wenn ich jetzt noch an Rheuma leiden würde, dann könnte ich mir einen Gang zur Apotheke ersparen. Beim Kurzstreckenlauf musste ich nämlich ein Brennnesselfeld durchqueren.


Wichtig ist übrigens auch, dass die Maßnahme möglichst spät, das heißt kurz vor oder während der Blüte, durchgeführt wird, damit möglichst alle Pflanzen erfasst werden. Also geht es auch im nächsten Jahr nicht ins Bad, sondern ins Springkraut. Und vielleicht können wir uns in ein paar Jahren alle daran erfreuen, dass genau in diesen gemähten Bereichen an der Schlücht unser heimisches, großblütiges Springkraut in strahlendem gelb erblühen wird. Man nennt es übrigens auch „Rühr-mich-nicht-an“.


Ein Naturschützer